make-world // as seen by the press
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Virtualienmarkt
Sueddeutsche Zeitung, Feuilleton, 24.Oktober 2001
Auf dem "Make-World"-Festival
in München trafen sich Aktivisten
Im Café der Muffathalle spielt sich Erstaunliches ab. Dort, wo sonst
junge Münchner tanzen, haben sich Netzwissenschaftler, Ökonomen,
Gewerkschaftler, Künstler und Autoren versammelt - anstelle von
Modejournalisten sieht man Aktivisten. Manche sind aus Australien
angereist, andere aus Südamerika. Das Festival "Make-World", das jüngst
hier und in der Galerie "lothringer 13" stattfand, trug den Titel
"border =0 location=YES". Welche Rolle Grenzen spielen, was Begriffe wie
Bewegungsfreiheit und Mobilität im Alltag bedeuten, wollte man
untersuchen - Worte wie "Digitalisierung" und "Globalisierung" mit
Inhalt füllen. Rote Scheinwerfer tauchen das Publikum in schummriges
Licht. Zwar tragen die Leute keine Punkfrisuren, doch in ihrem Innersten
sind sie wahre Punks. Denn wenn man Anarchie als Un-Politik begreift,
leuchtet auch ein, was die Leute beim "Make-World-Festival" vereint: die
Weigerung, sich mit einem System zu identifizieren und der Wunsch, an
verschiedenen Systemen vorübergehend mitzuarbeiten.
Im ersten Panel über "Informational Self-Defense" sprach Marco Peljhan,
ein Künstler aus Ljubljana, über eine unabhängige Form, die Leitungen
des Internets zu umgehen: durch Radiowellen. Der Medienaktivist Sam de
Silva aus Melbourne betonte hingegen: "Redet mit Menschen in Echtzeit.
Trefft sie. Das Gestalten einer interessanten Webseite kann Nähe und
Neugier nicht ersetzen." Ein anderes Panel beschäftigte sich mit den
Themen "Mobilität und Zugangsberechtigung". Osaren Igbinoba, Vertreter
von "the voice", einer Flüchtlingsorganisaton aus Thüringen, warf ein,
dass die so genannte "Residenzpflicht" Flüchtlinge daran hindere, am
gesellschaftlichen Leben überhaupt teilzunehmen. Jemand schlug vor, mit
den Flüchtlingen wenigstens einen Netzzugang zu erkämpfen, denn:
Informationen brauchen keinen Ausweis. Im alten Griechenland waren
Theoretiker wie Touristen, die herumreisten, um sich Sehenswertes
anzuschauen. Auf die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und
Widerstand nannte jemand von der politischen Initiative "afrika gruppe"
drei mögliche Antworten des Aktivismus: den Protest, den Angriff, die
Verzerrung. Die zuletzt genannte Variante werde ausschließlich vom
Verstand entschlüsselt. Ein Beispiel: Anstelle von Nike's "Just Do
it"-Kampagne könne man sich ein "Don't" auf das T- Shirt drucken.
Digitales Lifting
Doch was, wenn es keine Symbole mehr gibt, wie etwa jetzt beim Krieg
gegen den Terror? "Freiheit ist ein nebulöser Begriff. Füllt ihn mit
Bedeutung!", lautet ein Aufruf. Der Medienkünstler Graham Harwood aus
Amsterdam stellt eine Software vor, die auf den ersten Blick aussieht
wie ein Bildbearbeitungsprogramm. Tatsächlich kann man mit ihr seine
ethnische und soziale Herkunft digital manipulieren: einem Gesicht
vollere Wangen und den Anschein von Wohlstand geben, die Haut dunkler
tönen oder dem Kopf durch die Frisur die Züge der oberen Mittelklasse
geben.
Geert Lovink, Medientheoretiker aus Sydney, verkündet den Tod der Anti-
Globalisierungsbewegung. "Wer über den 11. September nachdenkt und
beobachtet, was gerade geschieht, dem muss man nicht mehr erklären, was
Globalisierung heißt", sagt er im Vorgriff auf andere Stimmen, die die
Welt ebenfalls als globales Kriegsmonster und weltumspannende
Angstmaschine beschreiben. "Dieser Krieg ist ein Mittel, um noch mehr
Grenzen zu errichten, die noch weniger Leute überschreiten können",
ergänzt der Theoretiker Antonio Negri, der am nächsten Tag in einer
Videokonferenz aus Rom zugeschaltet ist: "Das widerspricht der
menschlichen Natur."
Ein anderer Teilnehmer berichtet von den Erfolgen der Kampagne
"Deportation Class" und der Online-Demonstration gegen die Abschiebung
von Flüchtlingen auf der Webseite der Lufthansa. Ein Zuhörer meldet
sich. Er sei Südafrikaner und habe früher in einer Spezialeinheit der
Polizei unter dem Apartheid Regime mitgearbeitet. Er möchte wissen,
warum die Aktivisten nicht in die Firmen gehen. Warum von außen
bekämpfen, was man doch auch von innen verändern kann?
Am nächsten Tag ging es noch einmal um die Arbeitswelt und um die Frage:
"Was sind umherschweifende Produzenten?" Leute, die aus ihrem Land
vertrieben werden und nun nach Arbeit suchen? Oder theoretisierende
Freischaffende? Mobilität ist etwas anderes als Nomadentum. Wer über
Bewegungsfreiheit spricht, darf das Recht auf ein Zuhause nicht
vergessen. "Menschen sind kein Gemüse", hat Vilém Flusser gesagt.
Aktivismus braucht den Glauben daran, dass die Welt wissen muss, was man
zu sagen hat. Viele Besucher von "Make-World" waren ein solches
Echtzeit- Treffen nicht gewohnt. Und vielleicht redeten viele deswegen
ohne Punkt und Komma, fanden kein Ende, schweiften ab, sprachen wie man
am Computer scrollt: in alle Richtungen, nach oben, unten, nach vorn und
nach hinten.
Schließlich wird in der Halle ein Virtualienmarkt aufgebaut. Wie bei
einer Messe gibt es Stände. Einige Leute stellen Netzaktivismus vor. Man
kann der transnationalen Republik beitreten und bekommt einen richtigen
Ausweis. Die Landkarte am Stand des Netzwerkes "Indymedia" zeigt, wo die
Büros auf der Welt zu finden sind. Es sind viele. Die Leute sind müde,
doch sie bleiben. Für sie war der Kongress wie ein Stein, der ins Wasser
geworfen wurde. Nun zieht er Kreise.
AREZU WEITHOLZ
SOURCE:
Süddeutsche Zeitung
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