18-21 october 2001  make-world festival  munich germany  
 
 
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Sueddeutsche Zeitung, Feuilleton, 24.Oktober 2001
 
Auf dem "Make-World"-Festival in München trafen sich Aktivisten

Im Café der Muffathalle spielt sich Erstaunliches ab. Dort, wo sonst junge Münchner tanzen, haben sich Netzwissenschaftler, Ökonomen, Gewerkschaftler, Künstler und Autoren versammelt - anstelle von Modejournalisten sieht man Aktivisten. Manche sind aus Australien angereist, andere aus Südamerika. Das Festival "Make-World", das jüngst hier und in der Galerie "lothringer 13" stattfand, trug den Titel "border =0 location=YES". Welche Rolle Grenzen spielen, was Begriffe wie Bewegungsfreiheit und Mobilität im Alltag bedeuten, wollte man untersuchen - Worte wie "Digitalisierung" und "Globalisierung" mit Inhalt füllen. Rote Scheinwerfer tauchen das Publikum in schummriges Licht. Zwar tragen die Leute keine Punkfrisuren, doch in ihrem Innersten sind sie wahre Punks. Denn wenn man Anarchie als Un-Politik begreift, leuchtet auch ein, was die Leute beim "Make-World-Festival" vereint: die Weigerung, sich mit einem System zu identifizieren und der Wunsch, an verschiedenen Systemen vorübergehend mitzuarbeiten.

Im ersten Panel über "Informational Self-Defense" sprach Marco Peljhan, ein Künstler aus Ljubljana, über eine unabhängige Form, die Leitungen des Internets zu umgehen: durch Radiowellen. Der Medienaktivist Sam de Silva aus Melbourne betonte hingegen: "Redet mit Menschen in Echtzeit. Trefft sie. Das Gestalten einer interessanten Webseite kann Nähe und Neugier nicht ersetzen." Ein anderes Panel beschäftigte sich mit den Themen "Mobilität und Zugangsberechtigung". Osaren Igbinoba, Vertreter von "the voice", einer Flüchtlingsorganisaton aus Thüringen, warf ein, dass die so genannte "Residenzpflicht" Flüchtlinge daran hindere, am gesellschaftlichen Leben überhaupt teilzunehmen. Jemand schlug vor, mit den Flüchtlingen wenigstens einen Netzzugang zu erkämpfen, denn: Informationen brauchen keinen Ausweis. Im alten Griechenland waren Theoretiker wie Touristen, die herumreisten, um sich Sehenswertes anzuschauen. Auf die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Widerstand nannte jemand von der politischen Initiative "afrika gruppe" drei mögliche Antworten des Aktivismus: den Protest, den Angriff, die Verzerrung. Die zuletzt genannte Variante werde ausschließlich vom Verstand entschlüsselt. Ein Beispiel: Anstelle von Nike's "Just Do it"-Kampagne könne man sich ein "Don't" auf das T- Shirt drucken.

Digitales Lifting

Doch was, wenn es keine Symbole mehr gibt, wie etwa jetzt beim Krieg gegen den Terror? "Freiheit ist ein nebulöser Begriff. Füllt ihn mit Bedeutung!", lautet ein Aufruf. Der Medienkünstler Graham Harwood aus Amsterdam stellt eine Software vor, die auf den ersten Blick aussieht wie ein Bildbearbeitungsprogramm. Tatsächlich kann man mit ihr seine ethnische und soziale Herkunft digital manipulieren: einem Gesicht vollere Wangen und den Anschein von Wohlstand geben, die Haut dunkler tönen oder dem Kopf durch die Frisur die Züge der oberen Mittelklasse geben.

Geert Lovink, Medientheoretiker aus Sydney, verkündet den Tod der Anti- Globalisierungsbewegung. "Wer über den 11. September nachdenkt und beobachtet, was gerade geschieht, dem muss man nicht mehr erklären, was Globalisierung heißt", sagt er im Vorgriff auf andere Stimmen, die die Welt ebenfalls als globales Kriegsmonster und weltumspannende Angstmaschine beschreiben. "Dieser Krieg ist ein Mittel, um noch mehr Grenzen zu errichten, die noch weniger Leute überschreiten können", ergänzt der Theoretiker Antonio Negri, der am nächsten Tag in einer Videokonferenz aus Rom zugeschaltet ist: "Das widerspricht der menschlichen Natur."

Ein anderer Teilnehmer berichtet von den Erfolgen der Kampagne "Deportation Class" und der Online-Demonstration gegen die Abschiebung von Flüchtlingen auf der Webseite der Lufthansa. Ein Zuhörer meldet sich. Er sei Südafrikaner und habe früher in einer Spezialeinheit der Polizei unter dem Apartheid Regime mitgearbeitet. Er möchte wissen, warum die Aktivisten nicht in die Firmen gehen. Warum von außen bekämpfen, was man doch auch von innen verändern kann?

Am nächsten Tag ging es noch einmal um die Arbeitswelt und um die Frage: "Was sind umherschweifende Produzenten?" Leute, die aus ihrem Land vertrieben werden und nun nach Arbeit suchen? Oder theoretisierende Freischaffende? Mobilität ist etwas anderes als Nomadentum. Wer über Bewegungsfreiheit spricht, darf das Recht auf ein Zuhause nicht vergessen. "Menschen sind kein Gemüse", hat Vilém Flusser gesagt.

Aktivismus braucht den Glauben daran, dass die Welt wissen muss, was man zu sagen hat. Viele Besucher von "Make-World" waren ein solches Echtzeit- Treffen nicht gewohnt. Und vielleicht redeten viele deswegen ohne Punkt und Komma, fanden kein Ende, schweiften ab, sprachen wie man am Computer scrollt: in alle Richtungen, nach oben, unten, nach vorn und nach hinten.

Schließlich wird in der Halle ein Virtualienmarkt aufgebaut. Wie bei einer Messe gibt es Stände. Einige Leute stellen Netzaktivismus vor. Man kann der transnationalen Republik beitreten und bekommt einen richtigen Ausweis. Die Landkarte am Stand des Netzwerkes "Indymedia" zeigt, wo die Büros auf der Welt zu finden sind. Es sind viele. Die Leute sind müde, doch sie bleiben. Für sie war der Kongress wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wurde. Nun zieht er Kreise.

AREZU WEITHOLZ  
 
SOURCE:
Süddeutsche Zeitung
 
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