make-world // as seen by the press
|
Die seltsamen Blumen des Virtualienmarktes
Sueddeutsche Zeitung, Münchener Kultur, 18.Oktober 2001
Ein dreitägiges Medienfestival stellt Grenzen der Welt in Frage
Weil eine Nagelschere in seinem Gepäck aufgetaucht war, konnte Florian
Schneiders Flug unlängst erst mit einer Stunde Verspätung starten.
Vielleicht war das Flughafenpersonal wegen der vielen Visastempel in
seinem Ausweis alarmiert. Kontakte zu verdächtigen Gegenden wie Afrika
und Indien gehören aber zu Schneiders Profession: Zusammen mit Olia
Lialina organisiert er das Medienfestival "Border = Ø Location = Yes",
das von heute an in der Muffathalle und der Lothringerstraße 13 Gäste
aus der ganzen Welt versammeln wird. Die Globalisierung soll dabei
thematisiert werden in einer Ausstellung, in Konferenzen, Performances
und Workshops. "All diese Parolen wie Mediatisierung, Digitalisierung,
Internationalisierung klingen ja längst nicht mehr verheißungsvoll",
meint Schneider. Trotzdem glaubt er, dass es wichtig sei, sie umfassend
zu überdenken, neu zu übersetzen. Durch drei Ereignisse der letzten
Monaten will er am Eröffnungsabend die Brisanz seines Themas sichtbar
machen. Über politische Folgen der Terrorattacken in New York wird die
Soziologin Saskia Sassen berichten. Australiens Weigerung, ein
Frachtschiff, das Flüchtlinge aus Seenot gerettet hatte, anlegen zu
lassen, wird Ghassan Hage, einen Anthropologen der Universität Sydney
beschäftigen. Dritter Programmpunkt ist der Auftritt der Volxtheater
Karawane, einer Schauspielertruppe, die nach den Protesten in Genua
festgenommen, als angebliche Rädelsführer drei Wochen inhaftiert und vom
Gefängnispersonal geprügelt wurde. "Wir haben schon im Gefängnis Pläne
geschmiedet, wie man da Theater draus macht", erzählt
Volxtheather-Schauspieler Manfred Novak. "Auf keinen Fall soll es ein
Stück werden, das zeigt, wie arm wir sind. Wir wollen ja nicht
weinerliche Stimmung, sondern Aufbruchstimmung verbreiten." Das Internet
kann für Novak nur ein Hilfsmittel sein. "Passieren müssen die Aktionen
dort, wo auch die Probleme sind. In Camps an der EU-Grenze, vor
Abschiebegefängnissen, oder auf Demos." Die Karawane wird also
weiterziehen. Doch Novak fürchtet, es könnte ein trauriges Zigeunerleben
werden: "Vier von uns haben ein Einreiseverbot nach Italien. Auf die
Vorwürfe, die dort gegen uns konstruiert wurden, stehen bis zu 18 Jahren
Haft. Innerhalb der EU wird der Austausch von Daten über solche
Aufmüpfige wie uns vorangetrieben. Eines Tages könnte es passieren, dass
wir verhaftet und nach Italien ausgeliefert werden." Schneider
befürchtet, dass auch die Mobilität unpolitischer Menschen eingeschränkt
wird. "Flüge werden teurer, Visa restriktiver vergeben, Flüchtlinge
ihrer Rechte beraubt. Das ist die Kehrseite der Globalisierung." Nicht
nur solche bereits spürbaren Auswirkungen versucht das Festivalprogramm
zu analysieren. In einem umfassenden Brainstorming soll der kreative
Prozess aus Ausstellung, Konzert, Diskussion und Theater Globalisierung
viel umfassender denken, träumen, visionieren, als es einer
profitorientierten Weltsicht möglich wäre. Global Players versuchen, den
weltweiten Fluss der Waren gegen die Zollschranken durchzusetzen,
behindern aber den freien Austausch von Ideen, indem sie auf
Patentrechte pochen. Sie profitieren vom Armutsgefälle, das durch die
Begrenzung der Migration aufrecht erhalten wird und ziehen, durch
Privatisierung von öffentlichem Raum, sogar neue territoriale Grenzen.
Die Gewinnmaximierung in Unternehmen sei ein wesentlich
eindimensionaleres, zentralistischeres Prinzip als das Austarieren von
Interessen im Nationalstaat. Es könne also nicht die einzige Konsequenz
der weltweiten Vernetzung sein, Nationalflaggen durch Logos zu ersetzen,
meint Schneider. Um alternative Formen der Kooperation vorzustellen, hat
er auf dem Festival einen "Virtualienmarkt" eingerichtet. Die neuesten
Erfindungen der Open-Source-Bewegung und die verrücktesten Einfälle von
Netzaktivisten werden dort an Messeständen vorgestellt. "Die Vorreiter
der Globalisierung", behauptet Schneider, "sind längst nicht mehr die
Konzerne, sondern die Globalisierungsgegner." (Donnerstag bis Sonntag,
Muffathalle und Lothringerstraße 13.) CORNELIUS HAFNER
Mehr finden Sie im Besuchen Sie auch
SOURCE:
Süddeutsche Zeitung
» back to make-world webjournal
|
|