18-21 october 2001  make-world festival  munich germany  
 
 
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Die Lust am politisch Unkorrekten
Sueddeutsche Zeitung, Münchener Kultur, 22.Oktober 2001
 
Das "Make World"-Festival in der Muffathalle - ein Netzwerk ohne Grenzen

Seit der Mensch mit der Gutenberg-Galaxie auch das Fachidiotentum zu den Akten gelegt hat, ist in der Net-Society von heute jeder sein eigener Experte. Die Idee des derart demokratisierten Spezialistentums zog sich als roter Faden durch das künstlerische Begleitprogramm des "Make World"-Medienfestivals, das Muffathalle, Kulturreferat und Lothringer 13 gemeinsam veranstaltet haben. Am wenigsten überraschte dabei, dass sich in der gleichnamigen Ausstellung "Künstler als Experten" präsentierten. Allerdings führte die Mehrzahl der Installationen gerade nicht die Meisterschaft an Instrument, Pinsel oder Software vor, sondern setzte sich kritisch und ironisch mit dem Begriff selbst auseinander. Die Videokünstlerin Jennifer Reeder erklärt da etwa "White American Trash" zu ihrem Fachgebiet. Das Künstlerduo Entropy8Zuper! zeigt sich den Experten als Jäger und Sammler von Information: Auf zehn CDs und 45 Textblättern haben die beiden diverseste Fundstücke aus dem Internet kollagiert.

Doch nicht nur der Künstler, nein: "Jeder Mensch ist ein Experte". So propagiert es Shu Lea Cheang mit ihrem Softwareprojekt. An einem Terminal konnte man sein persönliches Nutzerprofil in eine Datenbank eingeben oder nach Menschen mit speziellen Kompetenzen suchen. Dieser unmittelbare und ungefilterte Kontakt von Anbieter und Nachfrager versteht sich zwar als Statement gegen die Mechanismen des Arbeitsmarktes und gegen Nützlichkeitsrassismus, wie er sich jüngst in der "Greencard"-Debatte manifestierte. Die von den Festivalbesuchern eingetippten Profile tendierten aber doch zu extrovertiert-plakativem Experten-Identitätsmarketing.

Dass diese und überhaupt jegliche Form von Identität sowieso nur ein einziges Konstrukt zur Machtausübung ist, demonstrierte Guillermo Gómez-Peña, der hier erstmals in Deutschland auftrat. Das durch den Norden geprägte Bild von Indios und Chicanos, die Hohlheit des (als typisch imperialistisch enttarnten) Konzepts der "Multikulturalität" inspirierten seit jeher seine Performances. In der stärksten Abteilung seines "Museum of Fetishized Identity" erstellt Gómez-Peña mit den Zuschauern aus der Halle lebende Bilder - Tableaus von "künstlichen Wilden", wie sie in "Indianermuseen" allerorten noch immer zu finden sind. Nebenbei schließt die mit Lust politisch unkorrekte Brachialperformance noch die gesamte sexuelle Symbolik der westlichen Welt mit den ethnischen Klischees kurz: vom "Mad Mex"-Macho über das "Zapatista Supermodel" bis zum globalisierten Striptease.

Während Gómez-Peña derart die Ökonomie der Zeichen zum Einsturz bringt, bläst die Wiener VolxTheaterKarawane zum veritablen Angriff - ob gegen Haider, McDonalds, Abschiebung oder die Chefkapitalisten beim Genuagipfel. Ihre Punk-Performance teilte munter Seitenhiebe gegen das philosophierende Theoriegeplänkel auch dieses Festivals aus und mündete im anarchistischen Manifest unter dem Motto "Noborder Nonation". Neben den vom Theater inspirierten Polit-Interventionen dieser Truppe sieht selbst Schlingensief wie ein naiver Hanswurst aus. Das beherrschende Thema des Festivals jedoch konnten all die künstlerischen Expertenlegionen allenfalls in den Diskussionsrunden kommentieren: Dort ging es natürlich immer wieder um "911", den 11. September, und die seitdem omnipräsenten Expertenfiguren in Sachen Terror und Anti-Terror (ein Konferenzbericht folgt im Feuilleton).  
 
SOURCE:
Süddeutsche Zeitung
 
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