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Die Lust am politisch Unkorrekten
Sueddeutsche Zeitung, Münchener Kultur, 22.Oktober 2001
Das "Make World"-Festival in der Muffathalle - ein Netzwerk ohne Grenzen
Seit der Mensch mit der Gutenberg-Galaxie auch das Fachidiotentum zu den
Akten gelegt hat, ist in der Net-Society von heute jeder sein eigener
Experte. Die Idee des derart demokratisierten Spezialistentums zog sich
als roter Faden durch das künstlerische Begleitprogramm des "Make
World"-Medienfestivals, das Muffathalle, Kulturreferat und Lothringer 13
gemeinsam veranstaltet haben. Am wenigsten überraschte dabei, dass sich
in der gleichnamigen Ausstellung "Künstler als Experten" präsentierten.
Allerdings führte die Mehrzahl der Installationen gerade nicht die
Meisterschaft an Instrument, Pinsel oder Software vor, sondern setzte
sich kritisch und ironisch mit dem Begriff selbst auseinander. Die
Videokünstlerin Jennifer Reeder erklärt da etwa "White American Trash"
zu ihrem Fachgebiet. Das Künstlerduo Entropy8Zuper! zeigt sich den
Experten als Jäger und Sammler von Information: Auf zehn CDs und 45
Textblättern haben die beiden diverseste Fundstücke aus dem Internet
kollagiert.
Doch nicht nur der Künstler, nein: "Jeder Mensch ist ein Experte". So
propagiert es Shu Lea Cheang mit ihrem Softwareprojekt. An einem
Terminal konnte man sein persönliches Nutzerprofil in eine Datenbank
eingeben oder nach Menschen mit speziellen Kompetenzen suchen. Dieser
unmittelbare und ungefilterte Kontakt von Anbieter und Nachfrager
versteht sich zwar als Statement gegen die Mechanismen des
Arbeitsmarktes und gegen Nützlichkeitsrassismus, wie er sich jüngst in
der "Greencard"-Debatte manifestierte. Die von den Festivalbesuchern
eingetippten Profile tendierten aber doch zu extrovertiert-plakativem
Experten-Identitätsmarketing.
Dass diese und überhaupt jegliche Form von Identität sowieso nur ein
einziges Konstrukt zur Machtausübung ist, demonstrierte Guillermo
Gómez-Peña, der hier erstmals in Deutschland auftrat. Das durch den
Norden geprägte Bild von Indios und Chicanos, die Hohlheit des (als
typisch imperialistisch enttarnten) Konzepts der "Multikulturalität"
inspirierten seit jeher seine Performances. In der stärksten Abteilung
seines "Museum of Fetishized Identity" erstellt Gómez-Peña mit den
Zuschauern aus der Halle lebende Bilder - Tableaus von "künstlichen
Wilden", wie sie in "Indianermuseen" allerorten noch immer zu finden
sind. Nebenbei schließt die mit Lust politisch unkorrekte
Brachialperformance noch die gesamte sexuelle Symbolik der westlichen
Welt mit den ethnischen Klischees kurz: vom "Mad Mex"-Macho über das
"Zapatista Supermodel" bis zum globalisierten Striptease.
Während Gómez-Peña derart die Ökonomie der Zeichen zum Einsturz bringt,
bläst die Wiener VolxTheaterKarawane zum veritablen Angriff - ob gegen
Haider, McDonalds, Abschiebung oder die Chefkapitalisten beim
Genuagipfel. Ihre Punk-Performance teilte munter Seitenhiebe gegen das
philosophierende Theoriegeplänkel auch dieses Festivals aus und mündete
im anarchistischen Manifest unter dem Motto "Noborder Nonation". Neben
den vom Theater inspirierten Polit-Interventionen dieser Truppe sieht
selbst Schlingensief wie ein naiver Hanswurst aus. Das beherrschende
Thema des Festivals jedoch konnten all die künstlerischen
Expertenlegionen allenfalls in den Diskussionsrunden kommentieren: Dort
ging es natürlich immer wieder um "911", den 11. September, und die
seitdem omnipräsenten Expertenfiguren in Sachen Terror und Anti-Terror
(ein Konferenzbericht folgt im Feuilleton).
SOURCE:
Süddeutsche Zeitung
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